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Netflix bringt „Das Weiße Rauschen“ ins Kino: Alltag und Apokalypse

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Von: Michael Schleicher

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Szene aus Noah Baumbachs Netflix-Film „Das Weiße Rauschen“ mit Adam Driver und Greta Gerwig.
Eine schrecklich nette Familie im Netflix-Film „Das Weiße Rauschen“: Jack (Adam Driver), seine Frau Babette (Greta Gerwig) und ihre vier Kinder. © Netflix

Noah Baumbach hat für Netflix „Das weiße Rauschen“ nach dem Roman von Don DeLillo verfilmt. Jetzt kommt die Satire ins Kino; Ende Dezember läuft sie dann beim Streamingdienst.

Kurz vor Schluss, wenn dieser Film bei seiner Achterbahnfahrt zwischen Alltag und Apokalypse auf die Zielgerade einbiegt, hat Barbara Sukowa einen zum Niederknien herrlichen Auftritt als Nonne. In dieser Rolle sagt sie einen Satz, der für alle gilt, die Noah Baumbachs „Das weiße Rauschen“ sehen. Sukowa erklärt am Krankenbett der Hauptfiguren Jack und Babette ihre Berufung wie folgt: „Unsere Aufgabe ist es zu glauben, was keiner ernst nimmt.“

Netflix zeigt „Das Weiße Rauschen“ von 30. Dezember 2022 an

Es ist nicht der schlechteste Rat, um mit dieser so wahrhaftigen wie wahnwitzigen Satire seinen Spaß im Kino zu haben. Baumbach, der zuletzt mit der ehelichen Tragikomödie „Marriage Story“ beeindruckte, hat für Netflix Don DeLillos Roman „Das weiße Rauschen“ von 1985 verfilmt. Jetzt kommt die Produktion ins Kino; beim Streamingdienst ist sie dann von 30. Dezember 2022 an im Angebot.

DeLillo erzählt in seinem Buch von Uni-Professor Jack, von dessen Frau Babette und deren Patchworkfamilie mit vier Kindern. Sie leben in den Achtzigern in einer Collegestadt im Mittleren Westen der USA. Typisches Uni-Milieu, will man meinen. Gehobene Mittelschicht, Reihenhaus mit Hund – das Komischste sind die Klamotten und Frisuren. Von wegen. Alle haben hier einen Sockenschuss: Jack etwa ist Fachmann für „Hitler Studies“ – der Herr Professor spricht aber kein Deutsch, was er tunlichst zu verbergen sucht. Der Unterricht, den er heimlich nimmt, erschöpft sich in dem Satz „Ich esse Kartoffelsalat“. Na, Mahlzeit. Seine Frau wiederum hat eine derart große Angst vor dem Tod, dass sie ein Medikament nimmt, das nirgends registriert ist. Sie bekommt es von einem zwielichtigen Typen, den Lars Eidinger spielt, natürlich – und das ist tatsächlich das Einzige, was an diesem Film nicht überrascht – in Unterhose.

Adam Driver und Greta Gerwig beeindrucken in „Das Weiße Rauschen“

In dieser Grundkonstellation entdeckt Baumbach zusammen mit seinen großartigen Hauptdarstellern Adam Driver und Greta Gerwig sowie einem unverschämt gut besetzten Ensemble reichlich skurrile Alltagsmomente und viel Situationskomik. Damit nicht genug: Ein Chemie-Unfall sorgt für eine giftige Wolke, für Massenpanik und Flucht, da die Stadt evakuiert werden muss. Die Welt steht Kopf; Jack, Babette und die Kinder werden mehr als einmal ordentlich durchgeschüttelt, bevor alles wieder an seinem Platz ist. Oder auch nicht.

In den Naturwissenschaften wird das „Weiße Rauschen“ gerne verwendet, um Störungen in einer ansonsten perfekten Modellberechnung abzubilden. Das „Weiße Rauschen“ ist also der Zufall, der den Versuchsaufbau von der Ideallinie abbringt. Von nichts anderem berichtet der Film: mit Witz, Hingabe, Liebe zu seinen Figuren und einer großen Fabulierlust.

In einer Vorlesung, die gleich zu Beginn zu sehen ist, doziert ein Professor über Szenen mit Auto-Crashs im US-Kino. Seine These: Hier seien keine Unfälle zu sehen, sondern die Karambolagen seien vielmehr „Ausdruck des amerikanischen Optimismus“, sie zeigten einen „spirituellen Moment“. Und wo, wenn nicht im Kino, wäre der rechte Ort, um das zu glauben, was keiner ernst nimmt? Eben.
(Noch mehr Netflix-Filme? Lesen Sie hier unsere Kritiken zu „Guillermo del Toros Pinocchio“ sowie zu „Glass Onion: A Knives Out Mystery“.)

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