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„SPD totzusagen, war publizistischer Breitensport“ – Historiker Dietmar Süß über den Scholz-Triumph

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Von: Dirk Walter

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Olaf Scholz lässt sich von der Menge bejubeln.
Überraschender Wahlsieg: Olaf Scholz lässt sich von der Menge bejubeln. © dpa

Mit einem Sieg der SPD bei der Bundestagswahl hatte kaum jemand gerechnet. Historiker Dietmar Süß analysiert den Scholz-Triumph und die Folgen im Interview.

München - Ist der SPD-Sieg bei der Bundestagswahl vor einem Jahr ein Fall für die Geschichtsbücher? Dietmar Süß, 49, Augsburger Professor für Neuere und Neueste Geschichte, analysiert in seinem Buch „Der seltsame Sieg. Das Comeback der SPD und was es für Deutschland bedeutet“ (C. H. Beck Verlag, 18 Euro) die Gründe für den überraschenden Coup von Olaf Scholz.

Was war an dem SPD-Sieg seltsam?

Die SPD siegte aus einer Position großer Schwäche. Es war ein Wahlsieg, den im Willy-Brandt-Haus anfangs wohl kaum jemand für möglich gehalten hatte, abgesehen vielleicht von Olaf Scholz selbst. Nach dem Rücktritt von Andrea Nahles als Parteichefin stand die SPD in den Umfragen bei 15, 16 Prozent und es gab Diskussionen, ob es sich überhaupt lohne, einen eigenen Kanzlerkandidaten aufzustellen.

Es gibt Gründe für den SPD-Sieg jenseits der katastrophalen Performance des Unions-Kandidaten Laschet. Welche?

Die SPD hat es geschafft, Wähler zurückzuerobern, etwa einstige Nichtwähler und ehemalige Wähler der Linkspartei im Osten. Und sie hat es geschafft, so etwas wie eine eigene Sprache zu finden: die Rhetorik des „Respekts“, des Respekts für die Lebensleistung gerade schwächerer sozialer Gruppen.

Trägt der Begriff als Leitidee auch für die Zukunft?

Mein Eindruck ist, dass ihn die Sozialdemokratie ziemlich schnell wieder in die Schubladen verbannt hat. Klug ist das aus meiner Sicht nicht. Der Begriff bietet eine Antwort auf die überhöhte neoliberale Ideologie der Leistungsgesellschaft und der Rhetorik von der Chancengerechtigkeit. Im Augenblick hört man von Olaf Scholz und Lars Klingbeil dazu aber wenig und ich halte das für keine gute Entscheidung.

„Die SPD hat viel zu lange diese Gruppen der Abgehängten aus dem Blick verloren“

Sind nicht der erhöhte Mindestlohn und das Bürgergeld eine Art Antwort auf Problemlagen schwächerer Gruppen, die etwas wie Respekt erwarten?

Ja, diese Themen haben der Sozialdemokratie etwas vom verloren gegangenen sozialpolitischen Profil zurückgegeben. Das war eine programmatische Kampagne, die der SPD sicher gutgetan hat. Das Bürgergeld ist ein Schritt in diese Richtung, wenn auch nicht viel mehr, da es in der Substanz durch die Union und den Bundesrat maximal verwässert worden ist. Dennoch: Sie hat damit die alten Wunden, die sie sich selber geschlagen hat durch ihre Hartz-4-Politik, in Ansätzen geheilt. Und die Leitidee der Respekts hat dazu sicher beigetragen.

Der Lagerarbeiter bei Amazon, die Pflegekraft, der Pizza-Ausfahrer – kann die SPD diese Benachteiligten der Dienstleistungsgesellschaft gewinnen?

Die SPD hat viel zu lange diese Gruppen der Abgehängten aus dem Blick verloren. Zumal sie ja dafür mitverantwortlich war, dass der Niedriglohnsektor überhaupt entstanden ist. Sie hat lange geglaubt, man müsse sich um diese Gruppen nicht groß bemühen, weil sie ja – wenn sie überhaupt wählen – sicher Stammklientel der SPD seien. Das war ein großer Fehler. Sich ernsthaft um diese große Gruppe prekär Beschäftigter und nicht gewerkschaftlich organisierter Personen ernsthaft zu kümmern, müsste eigentlich ein zentrales Ziel sozialdemokratischer Politik sein. Die Debatte über die Zukunft des Sozialstaats in Zeiten wachsender sozialer Ungleichheit ist noch nicht zu Ende.

Totsagen sollte man die SPD also nicht?

Die SPD totzusagen, war lange publizistischer Breitensport. Mir scheint das in vielerlei Hinsicht zu kurz gegriffen zu sein.

Interview: Dirk Walter

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